Das Occupy-Erbe: »Systemfrage wird von ‚Fridays for Future‘ nicht gestellt«

Der Protest- und Bewegungsforscher Dieter Rucht zum Erbe von Occupy und was Soziale Bewegungen ausmacht.

Herr Rucht, haben Sie in letzter Zeit mal an die Protestbewegung Occupy gedacht?
Immer wenn ich ein Beispiel dafür suche, dass Bewegungen sehr schnell aufsteigen und absteigen können.

Die Missstände, die Occupy angeprangert hat, haben sich ja keineswegs erledigt. Warum hat die Bewegung dennoch nicht überlebt?
Erstens wollte Occupy keine Sprecher oder Repräsentanten. Die Bewegung hat sich jeglicher Form von Organisation widersetzt. Zweitens blieb Occupy mit seiner Protestform der Platzbesetzung exklusiv, denn Familien mit Kindern können es sich ja nicht leisten, wochenlang in einem Camp zu leben. Drittens brachten die Camps Probleme mit sich, weil sich auch Leute dort festsetzten, die gar nichts mit den Protesten zu tun hatten. Und viertens standen die Camps immer unter dem Damoklesschwert der Räumung, was für eine angespannte Stimmung sorgte.

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So beeinflusst Sprache die Beliebtheit von Podcasts

Entscheidend für den Erfolg eines Podcasts ist nicht nur, was, sondern auch wie gesprochen wird. Das stellt eine Spotify-Studie fest, die den Zusammenhang von Sprache und Beliebtheit untersucht.

Ob ein Podcast erfolgreich ist, hängt auch von seinen sprachlichen Merkmalen ab.

Ob Wortschatz, Unterscheidbarkeit, Emotionen oder Satzbau – die Sprache eines Podcasts leistet einen viel größeren Beitrag zu dessen Beliebtheit, als man gemeinhin denkt. Eine aktuelle Studie von Spotify wollte nun herausfinden, wie stark die verschiedenen Faktoren des Sprachgebrauchs mit der Hörerbindung eines Podcasts zusammenhängen und hat Tausende englischsprachige Episoden daraufhin analysiert. Dabei kam heraus: Viele der gängigen Ratschläge zum Sprachgebrauch werden durch die Daten zwar bestätigt. Einige Ergebnisse fallen aber auch ziemlich überraschend aus.

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Faktenchecks laufen ins Leere

Titel der Studie Otto Brenner Stiftung – Die Studie kann auf der Internetseite der Otto Brenner Stiftung abgerufen werden.

»In Facebook-Konversationen der AfD laufen Faktenchecks meist ins Leere, die Verbreitung von Fake News lässt sich dort so kaum verhindern.« Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler Hannah Trautmann und Nils Kumkar in einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung.

»Bei dem Corona-Virus handelt es sich nur um einen harmlosen Schnupfen«. »Die Antifa wird von der Regierung monatlich mit einem festen Betrag zu unterstützt.« »In Deutschland wurde mit Corona die Pressefreiheit abgeschafft.« »Alternative Fakten« – Wo und warum werden solche Falschinformationen geteilt? Welchen Zweck erfüllen sie in »Gesprächen« auf Social Media, wel­chen Sinn macht das »Teilen« für die Gesprächsteilnehmer*innen. 

Das Team der Universität Bremen wertete zahlreiche Konversa­tionen auf den Facebook-­Seiten der AfD qualitativ aus – und kommt zu bemerkens­werten Ergebnissen. 

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Plakatrhetorik und Klischees

Das abgebildete Plakat ist aus der Kampagne gegen das Frauenwahlrecht 1946. An Volksabstimmungen in der Schweiz durften bis 1971 nur Männer teilnehmen.

In Bremen verpasst und in Vilnius (Museum of applied arts and design) wieder entdeckt: »Votes & Voices« die Ausstellung des Museum für Gestaltung Zürich. Die Ausstellung ist seit 2016 weltweit auf Reisen und zeigt Schweizer Kampagnenposter von 1918 bis heute. Sie präsentiert visuelle Argumentationsstrategien und eine bildliche Rhetorik, die von 1918 bis heute Schweizer Plakate geprägt haben. Klischees, undifferenzierte Vereinfachungen, ein Repertoire an drastischen Motiven und eingängigen Parolen entsprechen den Gesetzen des Mediums, dessen Ziel die direkte Massenmanipulation ist. Die Plakate gegen die Aufnahme des Frauenstimmrechts in die Verfassung sind besonders verstörend.

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Soziale Ungleichheit ≈ Soziale Ungleichheit

Was überhaupt unter sozialer Ungleichheit zu verstehen ist, ist umkämpft. Umso wichtiger ist es, die eigenen Ansichten aktiv zu vertreten. Denn nur so wird Politik möglich.

Es gibt keine Gleichheit. Kein _Ei gleicht dem anderen_, Gleichheit ist ein gedankliches Konstrukt, ein Kategorisieren ähnlicher Dinge als »gleich« und nicht ähnlicher Dinge als »ungleich«. Und so gleicht auch kein Mensch dem anderen. Eine Politik, die anstrebt, Menschen einander gleich zu machen, ist nicht nur übergriffig, sie ist auch zum Scheitern verurteilt, wie uns die Geschichte lehrt.

Es gibt also keine Gleichheit. Was es aber gibt, ist das Gleich-behandelt-Werden, das Gleichermaßen-gut-behandelt-Werden. Hier hat die Politik ihren Auftrag. Hier scheiden sich die ideologischen Geister. Zum Beispiel, wenn es darum geht, das Problem der _sozialen Ungleichheit_ zu fassen – ihre Ursachen und moralischen Handlungsaufträge zu definieren.

Soziale Ungleichheit an und für sich hat nämlich keinerlei (politische) Bedeutung! Zwar ist sie ein Fakt – Menschen agieren unter ungleichen sozialen und ökonomischen Bedingungen, haben ungleiche Einkommen, Wohn- und Lebensräume, Bildungs- und Gesundheitschancen. Jedoch: Fakten an und für sich sind für unser kognitives System ohne jede Bedeutung. Sie erhalten ihren Sinn immer erst durch Frames, also »gedankliche Deutungsrahmen«. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse moderner Kognitionsforschung. Frames sind neuronal im Gehirn verankert, speisen sich aus unserer Welterfahrung, werden über Sprache aktiviert und wirken sich unmittelbar auf unser politisches Handeln aus, indem sie Fakten einen Sinn zuschreiben.

Was ist die richtige, was die falsche Antwort?

Nun, in der Politik erzählen Frames _immer_ von einer moralischen Weltsicht. Denn hier lautet die Frage: Was ist angesichts der Faktenlage – wie etwa derjenigen sozialer Ungleichheit – die _richtige_ und was die _falsche_ Antwort?

Darauf gibt es in der Regel zwei Antworten. Denn in allen Gesellschaften gibt es grob skizziert immer zwei politische Weltsichten: die progressive, also die eher linkspolitische, und die konservative, also die eher rechtspolitische, Weltsicht. Wer ideologisch in der Mitte sitzt, dessen Moralmodell ist eine Kombination aus beiden, wie zahlreiche Studien zeigen. Wie sehen sie also aus, die zwei Geschichten von _richtig_ und _falsch_ angesichts der faktischen sozialen Ungleichheit in Europa und der Welt? Was bedeutet es für einen progressiven, was für einen konservativen Menschen, seine Mitmenschen _gleich_ und _gleichermaßen gut_ zu behandeln?

Stellen Sie sich eine Familie vor mit zwei Kindern, beide völlig verschieden. Jedes mit seinen eigenen Stärken und Schwächen, Herausforderungen, Ängsten und Hoffnungen. Was bedeutet es für Sie als Eltern, diese Kinder _gleich_ zu behandeln?

Eine mögliche Antwort lautet: Die Kinder _gleich_ und _gleichermaßen gut_ zu behandeln, bedeutet, jedem Kind das zu geben, was es braucht, es seiner individuellen Eigenschaften und Bedürfnisse entsprechend zu schützen und zu befähigen. Jeder bekommt, was er braucht! Wer nach dieser Wertvorstellung seine Kinder erzieht und über Politik denkt, der fällt in der modernen Ideologieforschung in das »fürsorgliche« Ideologiemodell, das auch progressiver Politik zugrunde liegt. Angewandt auf _soziale Gleichheit_ bedeutet dieses Wertebild: Jeder Bürger soll gleichermaßen geschützt und befähigt sein, frei von Not seinen individuellen Lebensweg zu gehen. Das bedeutet, dass jeder entsprechend seiner individuellen Attribute geschützt und befähigt werden muss, sei es über gute, gemeinschaftlich finanzierte Bildung, ein offenes und humanes Gesundheitswesen oder das Verbot ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse.

Eine andere mögliche Antwort auf die oben skizzierte Frage – wie gehe ich mit Kindern um, die sich nicht gleichen – lautet: Die Kinder _gleich_ und _gleichermaßen gut_ zu behandeln, heißt, jedem Kind genau dasselbe zu geben unabhängig von seinen individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen. Darüber hinausgehende Dinge, die sie brauchen oder wünschen, sollen sie sich selbst verdienen. Jeder ist gleichermaßen frei, für sich selbst zu sorgen und sowohl zu bekommen als auch zu behalten, was er sich verdient! Wer nach dieser Wertvorstellung über Kindererziehung denkt und politisch agiert, der fällt in der modernen Ideologieforschung in das »strenge« Ideologiemodell, das auch konservativer Politik zugrunde liegt. Angewandt auf _soziale Gleichheit_ bedeutet dieses Wertebild: Jeder Bürger soll gleichermaßen frei sein, sich im Wettbewerb zu behaupten und so für sich zu sorgen – und zwar ohne Eingriff des Staats etwa über Regulierungen, Umverteilung oder Millionärssteuer, denn solche Form der Politik würde eine Ungleichbehandlung bedeuten: Menschen sind dann nicht mehr gleichermaßen frei, für sich selbst zu sorgen, und die Bürger werden auch nicht gleich gut behandelt. Menschen, die es sich nicht verdient haben, bekämen Extras, und das System des offenen Wettbewerbs, der die Selbstdisziplin und Eigenständigkeit der Bürger fördert, geriete ins Wanken.

Die progressive und konservative Wertvorstellung über einen _gleichen_ und _gleichermaßen guten_ Umgang mit Menschen füllen also das Konzept der _Gleichheit_ unterschiedlich aus.

Und das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass sie zwei gegensätzliche Vorstellungen von den Ursachen sozialer Ungleichheit haben. Das progressive Weltbild umfasst die Idee _systemischer Kausalität_: Gegebenheiten sind immer das Produkt vieler, voneinander abhängender und sich gegenseitig beeinflussender Ursachen. Auf die soziale Ungleichheit übertragen bedeutet das zum Beispiel: Wer aus einer sozial benachteiligten Familie stammt, sowohl Frau als auch Migrantin mit mangelnden Deutschkenntnissen ist, ist gefährdet, in Armut zu leben. Das konservative Weltbild umfasst die Idee _direkter Kausalität_: Dinge haben einen einfach nachvollziehbaren Grund. Auf die soziale Ungleichheit übertragen bedeutet das zum Beispiel: Wer arm ist, der ist faul und muss härter arbeiten.

Soziale Ungleichheit hat keine universelle Bedeutung

Der Begriff _Soziale Ungleichheit_ im politischen Sinne – die Frage nach ihren Ursachen und Lösungen – hat also keine universelle Semantik. _Soziale Ungleichheit_ ist ein Contested Concept. So nennen wir in der Kognitionswissenschaft Ideen, deren Bedeutung »im Kern strittig« sind. Contested Concepts haben nur ein minimales Bedeutungsskelett, an dem sich unser Denken orientiert. Darüber hinaus gibt es keine universelle Bedeutung, wir staffieren die Idee über Frames, die unserer moralischen Weltsicht entsprechen, aus. Wer es nun in der Gesellschaftsdebatte versäumt, das Problem _sozialer Ungleichheit_ gemäß seiner Wertvorstellung auszufüllen, kreiert ein massives Problem für seine politischen Anliegen – und zwar langfristig!

Denn über den Mangel entsprechender sprachlicher Frames baut er die eigenen Vorstellungen von _richtigem_ und _falschem_ Miteinander, von _guter_ und _schlechter_ Politik gedanklich – und damit in letzter Konsequenz gesellschaftlich und politisch – ab. Einfach ausgedrückt: Was nicht gesagt wird, das wird auch nicht gedacht. Und was nicht gedacht wird, das wird nicht getan. Dieses Phänomen, in der kognitiven Forschung Hypokognition genannt, stellt derzeit eine der dringlichsten Herausforderungen an die europäische Politik dar.

Text von Elisabeth Wehling
Gelesen von Michael Rasch

Romelu Lukaku – oder: Glaube versetzt Berge

zum Thema Leistungsmotivation für Teams

Romelu Lukaku ist nicht nur ein außergewöhnlicher Fußballer, der mit internationalen Vereinsmannschaften und der belgischen Nationalmannschaft außerordentliche Erfolge feiert, sondern auch ein Mensch, der sich zum Thema Rassismus in der Öffentlichkeit äußert. Aus organisationspsychologischer Sicht ist er darüber hinaus ein beeindruckendes Beispiel, wie man mit vorhandenem Talent und überdurchschnittlicher Motivation beeindruckende bzw. überdurchschnittliche Ziele erreichen kann.

In einem Interview erzählte er seine Lebensgeschichte, die ihn aus prekären Verhältnissen in der Nähe von Antwerpen, zu einem der bestbezahlten Superstars im Profifußball geführt hat.

Eine Schlüsselszene war dabei der Motor für seine Karriere: als Kind wurde er Zeuge, wie seine Mutter für ihn und seinen jüngeren Bruder Milch mit Wasser vermengte, weil sie nicht mehr über die finanziellen Mittel verfügte – was auch vorher schon dazu geführt hatte, dass die Familie nicht ausreichend zu essen hatte.

I remember the exact moment I knew we were broke. I can still picture my mum at the refrigerator and the look on her face.
I was six years old, and I came home for lunch during our break at school. My mum had the same thing on the menu every single day: Bread and milk. When you’re a kid, you don’t even think about it. But I guess that’s what we could afford.
Then this one day I came home, and I walked into the kitchen, and I saw my mum at the refrigerator with the box of milk, like normal. But this time she was mixing something in with it. She was shaking it all up, you know? I didn’t understand what was going on. Then she brought my lunch over to me, and she was smiling like everything was cool. But I realized right away what was going on.
She was mixing water in with the milk. We didn’t have enough money to make it last the whole week. We were broke. Not just poor, but broke.

s.a.: https://www.theplayerstribune.com/articles/romelu-lukaku-ive-got-some-things-to-say

Dies war für Romelu Lukaku der Moment, in dem er sich vornahm, so gut Fußballspielen zu wollen, dass er als Profifußballer ausreichend Geld verdienen wollte, dass sich diese Situation nie wiederholen müsste. Er formulierte dies so, dass für ihn fortan jedes Fußballspiel ein Endspiel war – ob in der Vereinsmannschaft als Jugendfußballer oder mit seinen Freunden auf dem Bolzplatz um die Ecke.

Dabei hatte er sich Ziele gesetzt, wieviele Tore er im Verlauf einer Saison schießen wollte – und teilweise Wetten mit seinen jeweiligen Trainern abgeschlossen. Im Ergebnis führte dies dazu, dass er bereits als 16-jähriger in der ersten belgischen Liga eingesetzt wurde und in der vergangenen Saison mit Inter Mailand italienischer Meister wurde. Aktuell ist er für eine Ablösesumme von über 100 Millionen Euro zur englischen Spitzenmannschaft FC Chelsea gewechselt.

Unter Leistungsmotivation versteht man den Willen und die Antriebskraft einer Person, eine Aufgabe bis zu ihrer erfolgreichen Lösung zu bearbeiten. (Stangl, Lexikon für Psychologie und Pädagogik, 2021).

Die Ausprägung des Leistungsmotivs beeinflußt verschiedene Verhaltensparameter. So setzen sich erfolgsmotivierte Personen in Leistungssituationen realistischere Ziele, sind ausdauernder und erbringen dabei höhere Leistungen als mißerfolgsmotivierte Personen.

Das individuelle Leistungsverhalten ist abhängig vom Anspruchsniveau und der damit verbundenen Erwartungshaltung, die sich entweder als Hoffnung auf Erfolg oder als Furcht vor Misserfolg äußert, wobei die jeweilige Ausprägung dieser beiden Emotionen das Maß der Gesamt-Leistungsmotivation bestimmt. Dementsprechend kann unterschieden werden zwischen mehr »Erfolgsmotivierten« und mehr »Misserfolgsmotiverten«.

Diese Variablen werden als relativ stabile persönlichkeitsspezifische Dispositionen verstanden, die weitgehend von früheren Erfahrungen (insbesondere durch Erziehung) beeinflusst.

Der Begriff Leistungsmotivation und die Unterscheidung zwischen Erfolgs- und Misserfolgsmotivierten lässt sich nicht nur auf Individuen anwenden, sondern ist auch in Organisationen und Teams zu beobachten. Starke und erfolgreiche Gewerkschaften, Betriebsratsgremien oder politische und gewerbliche Organisationen zeichnen sich in aller Regel dadurch aus, dass sie sich als Erfolgsmotivierte nicht nur realistische Ziele setzen, sondern versuchen auch über diese hinaus erfolgreich zu sein. Dabei spielen die Führungskräfte einer Organisation oder eines Teams eine zentrale Rolle – Misserfolgsmotivierte, Zauderer und Bedenkenträger als Führungskräfte werden nur begrenzt erfolgreich sein können.

Autor: Axel Janzen
Foto: Wshjackson (www.flickr.com/photos/wshjackson/6231302169), Licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic | Flickr

Nur die wenigsten Mitglieder sind Fans ihres Verbandes

Nur 25 Prozent aller Mitglieder sind Fan ihres Verbandes. Am schlechtesten schneiden die Kirchen ab – diese haben sogar deutlich mehr Gegner zu verzeichnen als Fans! Als Gewinner gehen dagegen Umwelt und Naturschutzorganisationen, Automobilclubs und, in der Krise vielleicht überraschend, Sportvereine hervor.

Zu diesen Ergebnissen kommt die bundesweite Studie »Fanfocus Deutschland Verbände« des Mainzer Marktforschungs- und Beratungsunternehmens 2HMforum. und der ECOPLAN GmbH. Befragt wurden knapp 2.000 Mitglieder verschiedenster Organisationstypen in ganz Deutschland – u. a. Mitglieder von Parteien, Kirchen, Branchen-, Fach- und Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften, Berufsverbänden, Handwerksinnungen, Umweltschutz- und Verbraucherschutz-Organisationen. Schwerpunkt der wissenschaftlich fundierten Studie sind die Mitgliederzufriedenheit, die emotionale Mitgliederbindung sowie die Auswirkungen der Pandemie.

Verbände, die über eine große Fan-Gemeinde unter ihren Mitgliedern verfügen, haben es nicht nur in der Pandemie deutlich leichter. »Richtige Fans gibt es eben nicht nur im Sport oder in der Musik. Es gibt sie auch in Verbänden, Parteien, Gewerkschaften und anderen Mitgliedsorganisationen. Daher messen wir im Rahmen unseres wissenschaftlich fundierten Fan-Prinzips schon seit vielen Jahren die Fan-Quoten in Deutschlands Mitgliedsorganisationen«, erläutert Stefan Eser, ausgewiesener Experte für Emotionale Mitgliederbindung. Denn Fans seien eben nicht nur hochzufrieden mit ihrem Verband, sondern gleichzeitig diesem auch emotional sehr verbunden.

Diese Fan-Mitglieder sind – so auch die Erfahrungen aus über 300 erfolgreichen Forschungsprojekten mit zahlreichen Verbänden und anderen Mitgliedsorganisationen in mehr als 20 Jahren – besonders treu, bleiben auch in Krisenzeiten, engagieren sich häufiger ehrenamtlich und sind auch durchaus bereit, höhere Mitgliedsbeiträge zu zahlen. »Fans sind zudem die besten Weiterempfehler – und helfen somit im Vergleich zu sehr kostspieligen und häufig weniger erfolgreichen Mitglieder-Werbekampagnen sehr effizient bei der authentischen Gewinnung neuer Mitglieder, die ebenfalls dann dauerhaft bleiben und nicht wieder mit dem nächsten Beitragsbescheid ihre Mitgliedschaft kündigen«, so Eser.

Spitzenverbände der Wirtschaft erfüllen Mitgliedererwartungen offenbar nicht besonders gut

Die Spitze des Rankings – noch vor den Automobil-/Verkehrsclubs wie ADAC, AvD, ACE oder ADFC, den Vereinigungen mit ideellen Zielsetzungen wie Amnesty International oder Welthungerhilfe, und den Sportvereinen/-Verbänden des DOSB – führen die Umwelt- und Naturschutzorganisationen wie NABU, BUND, Greenpeace oder WWF deutlich an: Sie haben unter ihren Mitgliedern 38 Prozent Fans, also hochzufriedene und gleichzeitig emotional sehr verbundene Mitglieder. »Dies ist neben einer offensichtlich konsequenten und fokussierten Ausrichtung auf zentrale Mitgliederbedürfnisse sicherlich auch ein Ergebnis der Klimadebatte, die nach wie vor weltweit neben der Pandemie weit oben auf der politischen Agenda steht«, sagt Stefan Eser und ergänzt: »Und natürlich haben es hier Organisationen deutlich leichter, die eben für das besonders ‚Schöne‘, ‚Wahre‘ und ‚Gute‘ einstehen, wozu hier auch die Sozial- und Wohlfahrtsverbände mit 30 Prozent Fans gehören.«

Sorgen macht er sich um die sehr geringe Mitgliederbeziehungsqualität in den Handwerksinnungen und den Branchen-, Fach- und Arbeitgeberverbänden in Deutschland. »Wenn hier nur 15 bzw. 17 Prozent der Mitglieder hochzufrieden und gleichzeitig emotional sehr verbunden sind, ist das – gerade mit Blick auf die hohen Erwartungen an die großen Spitzenverbände der Deutschen Wirtschaft aus Handwerk, Dienstleistung und Produktion – ganz klar zu wenig«, befürchtet der langjährige Verbände-Experte. »Da es jedoch für ein ausgeglichenes Machtverhältnis zwischen den beiden Tarifparteien vielleicht sogar hilfreich ist, dass auch die Gewerkschaften lediglich auf nur 18 Prozent Fan-Mitglieder zählen können, stimmt mich dies im Sinne einer auch zukünftig friedlichen Regulierung der tarifpolitischen Arbeitswelt wiederum sehr optimistisch.«

Gelsen und aufgeschrieben von Michael Rasch

Homeoffice – Wie viel Vereinzelung wollen wir in der Arbeitsorganisation zulassen?

Generell wünscht sich eine große Mehrheit (85 Prozent) der Beschäftigten, auch zukünftig regelmäßig von zu Hause aus arbeiten zu können. Das hat die Beschäftigtenbefragung 2020 der IG Metall ergeben: »Homeoffice als neue Massenerfahrung«. Reklamiert wird allerdings auch, dass zahlreiche Aspekte grundsätzlich gar nicht oder nicht hinreichend geregelt sind. Der Arbeitsrechtler Georg Annuß fragt nach politischen Prozessen und Gemeinschaft in Unternehmen und Gesellschaft: Wie viel Vereinzelung wollen wir in der Arbeitsorganisation zulassen? »Der Zugang zu Beschäftigten im Homeoffice stellt für Gewerkschaften … eine nicht unwesentliche organisationspolitische Herausforderung dar,« weiss die IG Metall. Und Betriebsräte spüren bereits nach eineinhalb Jahren Corona-Abstand, wie die Bindung zu ihren Kolleg:innen nachlässt. 

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