Der Untergang des Abendlandes wird vom rechten Rheinufer aus befehligt. Hier, in den denkmalgeschützten Backstein-Messehallen in Köln-Deutz direkt gegenüber dem Kölner Dom, schlägt für Kulturverteidiger das Herz der Finsternis.

Denn hier hat die RTL Group ihren Sitz. Trash-TV, Menschenzoo und Fremdschämfernsehen hüben – die Heilige Dreifaltigkeit drüben. Zwischen Himmel und Hölle liegen nur 800 Meter. So will es das Klischee.

Still ist es bei RTL. Lange, leere Flure, kühle Farben. Die spartanische Nüchternheit steht in hartem Kontrast zu den grellbunten Programmen, die von hier aus in die Wohnzimmer fluten. RTL und RTL II – das steht für kollektive Anschreierei am Nachmittag und für eiskalte Kinderbeschimpfung (»Hat dir jemand in die Stimmbänder geschissen?«). RTL zeigte Menschen, die in Samstagabendshows kalte Spaghetti von nackten Körpern schnabulierten und Melodien mit dem Hintern generierten. Kurz: Die Marke RTL steht für buntes, aber auch schmerzhaftes, verletzendes, grelles und gnadenloses Fernsehen.

»Alles hat seine Zeit«

»Alles hat seine Zeit«, sagt Henning Tewes (49), seit 2005 im Hause tätig, seit März als Geschäftsführer RTL Television und Co-Geschäftsleiter des Streamingablegers RTL+. Mit seinem schlohweißen Schopf ähnelt er Peter Kloeppel, dem langjährigen RTL-Seriositätsnachweis. Tewes spricht leise und mit Bedacht über den Wandel, den er eingeleitet hat. Es ist nicht weniger als das Ende der Flegeljahre. »Wir machen Programm aus einem positiven Menschenbild heraus«, sagt er. »RTL soll eine positive und inspirierende Marke sein.«

Eine bitte was? Dieser Kuppelsausenkosmos, in dem wechselnde Helden der Hohlbirnigkeit Schmuckblondinen mit toten Augen anhengsten, in dem die Schwester einer Frau, die früher mal ein Café auf Mallorca hatte, als prominent gilt – der will plötzlich Respekt, Wärme und Liebe ausstrahlen? Dieses langjährige Paradies für allerlei Knallchargen entdeckt jetzt seine gesellschaftliche Verantwortung? Ist das nicht wie ein Lyrikfestival am Ballermann? Als wolle Pietro Lombardi jetzt Wagner inszenieren?

Erfolgreiches Fernsehen ist immer ein Spiegel seiner Zeit. Sonst wäre es nicht erfolgreich. Es passt sein Angebot dem emotionalen Bedarf einer Gesellschaft an. Casting, Gerichtsshows und Krawalltalk waren die Wachmacher der saturierten Nullerjahre, RTL war das Grundrauschen einer gnadenlos konformierten Gegenwart, die jeden aussortierte, der nicht in die medial vorgefertigten Erzählschablonen passte. Es war das egozentrische Ellbogenfernsehen für Millionen in sich selbst verknallter kleiner Ich-AGs, die einen Lustgewinn verspürten angesichts der Erkenntnis, dass anderer Leute Doofheit nicht vor Ruhm schützt. In ruhigeren Jahren erfreut sich das Publikum anderlei künstlichem Krawall. Deshalb war RTL Marktführer.

Das neue RTL klingt nach Wellnesswochenende

Doch etwas ist passiert. Die Wirklichkeit kam dazwischen. Die Welt ist zermürbt vom digitalen Geschrei, von verhärteten und giftigen Debatten, von Corona, Krise, Vereinzelung, Unruhe, Fragmentierung. Und Deutschland ist längst durchgecastet. Das Spiel funktioniert nicht mehr. Das Beömmelungsfernsehen hat seine Zeit gehabt. Seit Jahren schon tropft Öl aus der einst schnurrenden Quotenmaschine RTL. Und so hat sich der RTL-Mutterkonzern Bertelsmann neue Leitlinien verordnet, in denen seltsame Begriffe auftauchen: »Informieren, unterhalten, motivieren, ermöglichen, ermutigen, unterstützen«. Sogar von »Haltung« ist die Rede, meldet das Branchenmagazin DWDL.de. Das klingt nicht mehr nach krawalliger Wundertüte. Das klingt nach Wellnesswochenende mit Duftkerze. Ein neues, pastellfarbenes RTL-Logo ist das äußere Signet des Wandels. »Wir wollen eine Kultur des Respekts und der Wertschätzung«, sagt Bernd Reichart, scheidender Geschäftsführer der RTL Group.

Und so kaufte RTL der ARD ihren »Tagesschau«-Chefsprecher Jan Hofer sowie Pinar Atalay weg und startete mit »RTL Direkt« ein – freilich noch schwächelndes – Konkurrenzformat zu »Tagesthemen« und »heutejournal«. Auch mit TV-Rückkehrer Hape Kerkeling hat man große Pläne – ebenfalls ein Veteran, der eher für Wärme und Weltumarmung steht. Parallel schnappte sich Pro Sieben Linda Zervakis, und beide privaten Senderfamilien investieren seither in Journalismus, wagen Relevanzexperimente am Hauptabend und arbeiten an einem neuen Image, das sich vor allem mit einem lange verachteten Doppeladjektiv beschreiben lässt: öffentlich-rechtlich.

Kein Platz mehr für den »Revoluzzer« Bohlen

Zur Symbolfigur des Wandels wurde ein RTL-Krawallprofi, der die Jugend des Landes flächendeckend erniedrigt hat und fast 20 Jahre lang Bundesabkanzler, dummschlauer Hofkomponist und Oberzampano der Boulevardmaschinerie war: Dieter Bohlen (67). Das Bohlen-Prinzip (»Du wirst dein ganzes Leben lang ein scheißerfolgloser Friseur sein«) soll Vergangenheit sein. Es gab Zeiten, in denen »Bild« in Retro-Reporterschrift »Bohlens Geheim-Pläne für DSDS« auf der Titelseite vermeldete – als gehe es um Wunderwaffen im Zweiten Weltkrieg. Im März bat die RTL-Spitze ihn zum Gespräch und entnahm ihn mehr oder weniger behutsam der noch laufenden Staffel des »Supertalents«. Danach meldete er sich krank und flüchtete nach Mallorca. RTL wolle also anders werden, feixte er in einem Instagram-Video: »Da hat so ein Revoluzzer wie ich, der immer ein bisschen auf die Kacke haut, nichts mehr zu suchen.«

Es geht um die nackte Existenz

Das TV-Prinzip des »Konfrontainment« also, bei dem die erzählerische Fallhöhe durch die Diskrepanz zwischen der Eigenwahrnehmung und der Außenwirkung der Protagonisten entsteht, hat sich abgenutzt. Denn wenn die Welt sowieso voll ist von Egomanen, Exzentrikern und Schreihälsen, wenn sich sowieso alle andauernd anbrüllen und übereinander herfallen – wer braucht dann noch »Schwiegertochter gesucht«? Künstliche Erregung? Wozu denn in einer übernervten Republik? Probleme mit der Selbstwahrnehmung sind nach Jahren eines wild um sich twitternden US-Präsidenten nicht mehr nur lustig. »Wie würde Fernsehen denn wirken, wenn es noch rauer, noch aggressiver wäre als das, was wir täglich im Netz erleben können?«, fragt Tewes rhetorisch. Ja – wie? Wie RTL in den Nullerjahren?

Die Bohlen-Ära steht für eine gesellschaftliche Giftinjektion, die den deutschen Alltag greller, schärfer, verletzender und anstrengender gemacht hat. Sie wissen das selbst in Köln-Deutz. Es gibt das Bonmot einer ehemaligen Führungskraft, wonach der Ruf von RTL »irgendwo kurz hinter Nordkorea« liege. Nur war ihnen das jahrelang wurscht. Es lief ja. Doch es geht nicht nur um eine neu entdeckte Mitverantwortung für eine gesunde Gesellschaft beim Projekt »RTL United«. Es geht ums Geld. Und damit um die nackte Existenz.

Jetzt braucht RTL plötzlich die älteren Zuschauer

Jahrelang setzte der Sender allein auf die von RTL-Gründer Helmut Thoma definierte werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Sie waren die nebulöse, aber unumstrittene Hauptwährung im Werbegeschäft. Als die Zahlen bröckelten, hübschte RTL sie kurzerhand auf und erklärte die 14- bis 59-Jährigen zum Maß aller Dinge.

Inzwischen scheint klar: Nur noch ältere Zuschauer ab 70 sehen in Zukunft stabil linear fern (368 Minuten pro Tag, Tendenz stark steigend). Die Jüngeren unter 50 sind faktisch an die Streamingdienste und Mediatheken verloren (181 Minuten lineares Fernsehen pro Tag, Tendenz stark sinkend).

Das heißt: RTL braucht für seine linearen Sender jetzt genau die Zuschauer, die man jahrzehntelang ignoriert hat: die Älteren. Die gucken aber lieber ARD und ZDF. Der RTL-Marktanteil bei den über 60-Jährigen liegt bei verheerenden 6,8 Prozent. Ältere suchen eben nicht Krawall und kettenrauchende Plattenbaumuttis, sondern Harmonie, Qualität und Bestätigung. Was 30 Jahre lang ein Segen war – starke Zahlen bei den Jüngeren –, entwickelt sich nun zum Fluch. Die Jüngeren will RTL an sein Streamingangebot RTL+ binden (bisher TV Now). Aber 4,99 Euro pro Monat für Inhalte, die es bisher umsonst gab? Und dann auch noch Werbung gucken müssen? »RTL+ soll das größte deutsche Entertainmentangebot werden«, sagt Tewes. Aber die Offensive kommt spät, sehr spät.

RTL soll mit Gruner+Jahr verschmelzen

Der TV-Markt ist in Aufruhr. Im August hat sich die RTL Group für 230 Millionen Euro den ehrwürdigen Verlag Gruner+Jahr einverleibt. Das einst stolze Medienhaus, das »Stern« und »Geo« verlegt, hat einen beispiellosen Niedergang hinter sich. Der Umsatz von einst 3 Milliarden Euro ist 2020 auf etwa eine Milliarde geschrumpft. Bis Jahresende soll G+J nun faktisch mit RTL verschmolzen werden. Das Ziel der Kölner Neueigentümer: Mehr Journalismus wagen. Am Ende sollen die RTL-Journalisten mit den Printkollegen sämtliche Newskanäle bespielen. Aber wie passt ein soignierter Printmagazinsnob in der Lebenskrise zu einer schrillen Ex-TV-Krawallschachtel auf Sinnsuche? Und RTL ist nicht allein mit seiner Neuorientierung. Parallel erwarb sich Konkurrent Pro Sieben zuletzt viel Respekt durch Thilo Mischkes Reportage über Rechtsradikalismus oder die Themenspecials seiner beiden Haltungshelden Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf.

Deren Sendung »Männerwelten« mit Sophie Paßmann über sexualisierte Übergriffigkeit gegen Frauen wurde jüngst mit dem Grimme-Preis geehrt. Mit einer 15-Minuten-Dokumentation zum Chaos im Flüchtlingslager Moria prangerten sie die Herzlosigkeit Europas an – ein enorm wichtiger Beitrag gegen die Entchristlichung Europas. Und für eine siebenstündige Reportage über den Job einer Krankenpflegerin räumte der Sender seinen kompletten Hauptabend ab.

»Wenn man relevant sein will, muss man Nachrichten selber machen«

Ab 2023 will Pro Sieben seine Nachrichten wieder selbst produzieren. »Wenn man relevant sein will, muss man Nachrichten selber machen«, sagte Pro-Sieben-Sat.1-Vorstandssprecher Rainer Beaujean bei einem Pressetermin. Künftig arbeiten 60 Menschen für die Nachrichten, die jahrelang nur als lästiger Wurmfortsatz galten, um den Status als »Vollprogramm« nicht zu verlieren. Das RTL-News-Team zählt sogar 700 Mitarbeiter an 13 Standorten in Deutschland und elf im Ausland. Doch beim angeblichen Nachrichtensender n-tv laufen immer noch flächendeckend Bagger-, Schwertransport- und Hitler-Dokus. Die Journalismusoffensive von Pro Sieben und RTL hat aber noch ganz andere, durchaus handfeste Gründe: Im November 2020 wurde ein neuer Medienstaatsvertrag verabschiedet. In Paragraf 84 (Absatz 3) zum Stichwort »Auffindbarkeit in Benutzeroberflächen« verbirgt sich ein entscheidender Nebensatz, der für Privatsender existenzielle Bedeutung hat. Er sieht vor, dass solche Sender, »die in besonderem Maß einen Beitrag zur Meinungs- und Angebotsvielfalt im Bundesgebiet leisten, leicht auffindbar zu sein haben«. Wer also wertiges Fernsehen macht, soll auf Netzplattformen, in Suchalgorithmen oder in TV-Menüs leichter auffindbar sein als irgendein drittklassiger Trashkanal. Es gilt also nicht mehr: Wer am lautesten schreit, wird am schnellsten gehört, sondern: Je besser das Programm, desto sichtbarer der Sender (und damit die Werbung). Genaueres regeln die Landesmedienanstalten.

Die ARD bleibt gelassen

Bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz sieht man die Bemühungen von RTL und Pro Sieben mit Gelassenheit und einem Hauch von Genugtuung. »Eine Demokratie braucht publizistischen Wettbewerb«, sagt WDR-Intendant Tom Buhrow, der bis Ende des Jahres auch ARDVorsitzender ist (danach folgt Patricia Schlesinger vom rbb). »Deshalb bin ich ein großer Befürworter des wirklich einmaligen dualen Rundfunksystems und unserer vielfältigen Presselandschaft in Deutschland. Wir sehen weltweit, wie Demokratien unter Druck geraten. Aus diesem Grund kann ich diese Entwicklung des kommerziellen Fernsehens nur begrüßen.«

Auch die ARD-Programmchefin Christine Strobl sieht die Entwicklung »positiv und gleichzeitig entspannt«, denn von einem Wettbewerb um Relevanz und einem vielfältigeren Programmangebot »profitiert vor allem das Publikum«. Allerdings sei sie »überzeugt, dass das Publikum am Ende auf das Original in Sachen Seriosität setzt« – also auf ARD und ZDF.

Wie vertreibt man den »Ungeist von Bohlen und Pocher«?

Einer glaubt nicht daran, dass RTL als neuer, sanfter Riese diese Wette gewinnen wird: RTL-Gründervater Helmut Thoma. Der Mann, der anno dazumal selbst eine Nacktobst-Knalltütensause wie »Tutti Frutti« unter der Regie eines urlaubsreifen Karussellbremsers namens Hugo Egon Balder keck als TV-Demokratisierung feierte und als Populismuspionier gern schlichte Formeln ausgab (»Im Seichten kann man nicht ertrinken«), hält die Kündigung von Bohlen für einen Fehler: »Das hat keine Zukunft«, sagte er »T-Online«. Es sei »absurd, wenn RTL nun Teil des Rentnerfernsehens werden möchte«.

Das deutsche Fernsehen ist in Aufruhr – und sucht sein Heil angesichts der Attacken von Netflix, Disney, Prime Video und Co. in zwei Disziplinen, die es lange vernachlässigt hat: Relevanz und nationale Live-Gemeinschaftserlebnisse. Es ist eine Wette auf die Zukunft. »Aber wie viele Hofers oder Zervakis braucht es, um den Ungeist von all den Bohlens und Pochers zu vertreiben?«, fragt der »Spiegel«. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft im Publikum jedenfalls ist groß, weit über das Fernsehen hinaus. Das ist der Grund, warum vor Corona Liveerlebnisse wie Popkonzerte und Musicals boomten. Die Zukunft des Entertainments liegt im kollektiven authentischen Erlebnis in Echtzeit.

»Das Bedürfnis danach ist groß«, sagt auch ARD-Programmchefin Strobl. »Bei wichtigen Liveereignissen, wie zuletzt bei der Bundestagswahl, aber auch mit Sport-, Show- und Fiktion-Highlights, gelingt es uns immer wieder, alle Generationen vor dem Bildschirm zu versammeln« – das sei »echtes Lagerfeuer«.

Die Fernsehzukunft gehört der Liebe

Oder wie US-Fernsehlegende Oprah Winfrey schon vor Jahren sagte: Das nächste große Ding im Fernsehen sei die vereinigende Kraft der menschlichen Liebe. Respekt füreinander sei die TV-Währung der Zukunft. »Das Fernsehen«, sagte sie, »ist nicht nur zur Unterhaltung da, sondern auch, um den Menschen zu helfen, ein besseres Leben zu führen.« Die Frage ist, ob RTL nach drei Jahrzehnten voller Häme, Neid und Missgunst auch die Liebe beherrscht. Und ob das jemand sehen möchte.

Imre Grimm, 25. Oktober 2021
RND RedaktionsNetzwerk Deutschland GmbH
Gefunden von Michael Rasch