Maskenpflicht – der Sommeraufreger. Bremen hat es mit guten Worten versucht, nun sollen Bußgelder verhängt werden, wenn die Maskenpflicht verletzt wird.

»Reine Appelle sind in der Regel wirkungslos«

sagt der Hirnforscher Gerhard Roth im Interview mit dem Weser-Kurier (21. August 2020).

Wie reagiert unser Gehirn auf Appelle, die Verhaltensänderungen bewirken sollen? Wie beeinflussen Sprache und Bilder unsere Emotionen und damit unser Handeln? Das interessiert alle, die Menschen motivieren wollen. Nicht nur beim Schutz vor Covid-19. 

Auszüge aus dem Interview von Silke Hellwig:

Appelle an das Verantwortungsbewusstsein helfen nicht?
Reine Appelle sind in der Regel wirkungslos. Die Bereiche im Gehirn, die für sprachliche Appelle zuständig sind, haben keine wirksame Verbindung zu den Zonen, die Emotionen und damit das Handeln bestimmen. Bilder wirken also deutlich stärker. 

Meinen Sie Bilder, wie die im März aus Bergamo, als die Armee die hohe Zahl an Todesopfern mit Lastwagen abtransportieren musste? Oder meinen Sie sprachliche Bilder, die die Folgen beschreiben?
Beides wirkt. Bei einer kleinen Gruppe von Menschen reicht es zwar schon, über eine Gefahr zu reden, damit sie sich in Acht nehmen. Dabei handelt es sich in der Regel um sehr ängstliche Menschen, die es mit ihrer Vorsicht auch übertreiben können. Die größte Gruppe hören die Appelle und fühlen sozusagen die Folgen, also die Schäden für die eigene Gesundheit und die der anderen. Reine Statistiken würden bei dieser Gruppe nichts bewirken. 

Und es gibt eine weitere Gruppe, die den bekannten Argumenten nicht folgt und nicht einsieht, sich an irgendwelche Corona-Regeln zu halten. Oft wird der Widerstand gegen irgendetwas auch ideologisch verbrämt. 

Denken Sie dabei auch an die Teilnehmer von Corona-Demos?
Ja, auch sie gehören zumindest teilweise dazu, während andere sich im Recht fühlen. Dagegen zu sein, ist eine starke Selbstbestätigung. Nach Auskunft von Psychologen leiden viele der Menschen, die grundsätzlich auf Konfrontationskurs sind, unter innerer Leere, wie sie selbst berichten. Sie suchen die Erfüllung quasi im Dagegen-Sein.

Die Infektionszahlen unter Jüngeren sind gestiegen. Halten sich junge Menschen für unangreifbar?
Ja, viele Jugendliche glauben, dass ihnen nichts passieren kann. Erst wenn sie eigene Erfahrungen machen, folgt die Einsicht, sei es, dass ihre Eltern oder Großeltern erkranken.

Wie wichtig ist soziale Kontrolle, also dass beispielsweise andere Fahrgäste den Mund aufmachen, wenn jemand in Bus oder Bahn seine Maske nicht trägt, und sich darüber beschweren?
Ein Hinweis kann schon helfen. Die meisten Menschen wollen dazu gehören. Aber auch die Furcht vor Ausgrenzung wird nicht bei allen Personen Wirkung zeigen. 

Fazit:
Eigene Erfahrungen, emotionale Bilder und auch Sprachbilder – die können bei den meisten Menschen Verhaltensänderungen bewirken. Soziale Kontrolle hilft gegen Regelverstöße.

Sanktionen wirken bei der Gruppe, die nicht einsieht, sich an irgendwelche Regeln zu halten. Diese meisten aus dieser Gruppe sind empfänglich für Strafandrohungen. Bei einem Bußgeld das richtig teuer wird, riskieren viele Menschen nicht mehr so viel. Sie wägen die Konsequenzen ihres Verhaltens ab und halten sich dann auch an Regeln, die sie nicht einsehen.

Quelle: Silke Hellwig, Weser-Kurier 21. August 2020

Zur Person:  Gerhard Roth lehrte von 1976 an als Professor für Verhaltensphysiologie an der Uni Bremen, von 1989 an war er Direktor des Instituts für Hirnforschung. 2008 gründete er die Beratungsfirma Roth GmbH.

Gelesen und bearbeitet von Martin Rzeppa
Foto: Martin Rzeppa